Berichte über meine Arbeiten in der Presse
Rheinische Post, Dienstag, 04.05.2010
erschienen in: STAHLRETRO 40plus, Sonderheft 40 Jahre Bundesverband Deutscher Stahlhandel, Düsseldorf 2009, S. 52-53, Artikel von K. Sandek:
Stahlhandel der besonderen
Art
Kunstvolle
Korrosionen
Wenn man den Begriff „Rostherstellung“ in eine Suchmaschine eingibt, liefert sie gerade mal 370 Ergebnisse. „Rostentfernung“ hingegen landet nahezu das Hundertfache mit 30.000 Treffern. Umso verwunderlicher ist es, dass es eine Künstlerin gibt, die dem Rost und seiner gezielten Entstehung auf der Spur ist und ihn zur Erstellung beeindruckender Wandbilder benutzt.
In der Chemie bezeichnet Korrosion die chemische Reaktion, oder eine elektrochemische Reaktion eines Werkstoffes mit Stoffen aus seiner Umgebung, wobei eine messbare Veränderung am Werkstoff eintritt. Rost nennt man das Korrosionsprodukt, das aus Eisen oder Stahl durch Oxidation mit Sauerstoff in Gegenwart von Wasser entsteht.
Rost ist porös und schützt nicht vor weiterer Zersetzung, anders als die Oxidschicht vieler metallischer Werkstoffe wie Chrom, Aluminium oder Zink. Die Rostbildung (Korrosion) an Eisen beginnt durch den Angriff einer Säure (Säurekorrosion) oder von Sauerstoff und Wasser (Sauerstoffkorrosion) auf die Metalloberfläche.
Stahl, Rost und Kunst
In der modernen Kunst wurde das Gestaltungsmittel Rost immer wieder mit dem Vanitas-Gedanken, also die Vergänglichkeit allen irdischen Seins, in Verbindung gebracht: Der auf dem Metall auftretende Rost sollte daran erinnern, dass er eines Tages das Material komplett zersetzen werde – also ein bewusstes Sichtbarmachen der Vergänglichkeit des Materials.
Diesem „Image“ des Rostes möchte die Künstlerin Susanne Gersak einen anderen Aspekt entgegen stellen: Für sie steht die Ästhetik des rostenden Stahls im Vordergrund. Das Gestalten mit Rost ist wie ein Weg mit vielen Verzweigungen. Sie plant zwar die grobe Richtung vor, muss aber immer wieder mit unvorhergesehenen Umwegen rechnen. Dieses Wechselspiel mit dem Zufall – genau genommen ist es eine Zusammenarbeit mit dem Zufall – ist der Antrieb bei der Entstehung ihrer Werke.
Der Auslöser für die Beschäftigung mit dem Werkstoff Stahl war auch ein Zufallsfund in ihrer Werkstatt: Zwischen zwei Blechplatten, die Jahre lang aufeinander gelegen hatten, war ein interessantes Spiel der Farben und Strukturen des Rostes entstanden. Seit dem ist Susanne Gersak diesen Prozessen auf der Spur. Sie untersucht den Einfluss der Witterung auf das Metall, beobachtet den Vorgang des Rostens und versucht in die natürlichen Prozesse einzugreifen, um Ihren Ideen Ausdruck zu verleihen.
Am Anfang steht eine Vorstellung darüber, wie ein Kunstwerk aussehen soll. Die Idee für ein Bild kommt oft auch aus der Natur. Es kann eine schöne Moosstruktur im Wald sein, ein Arrangement schwarzer Äste, die sich vor dem Himmel abheben oder die Beobachtung eines Gewitters über dem Meer. Von der Natur inspiriert versucht sie dann diese Strukturen aus dem Stahl „wachsen“ zu lassen.
Täglich arbeitet sie an ihren Werken, pinselt Salzsäure, Magnesiumchlorid oder Wasser auf und beobachtet die Ausblühungen. Sie probiert aus, pinselt, spritzt, schleift und wartet. Nach einigen Tagen sind die ersten Roststrukturen sichtbar. Vielleicht ist auch etwas entstanden, was vorher nicht geplant war, was sie aber spontan fasziniert und Assoziationen hervorruft und dem Kunstwerk eine andere Anmutung geben wird.
Für manche Motive ist es nötig, dass die Bleche tagsüber schnell in der Sonne trocknen, damit sofort wieder neue Flüssigkeit aufgetragen werden kann. Über Nacht müssen sie jedoch meist ins Trockene gebracht werden, da ein nächtlicher Regen die ganze Arbeit zerstören könnte. Viele Male müssen die Bleche hin und her transportiert werden. Je nach Witterung und Außentemperatur variieren die Ergebnisse sehr stark. Oft dauert es viele Monate, bis ein Bild so „gewachsen“ ist, dass es mit der Idee im Kopf übereinstimmt. Man kann zwar etwas wegnehmen oder versuchen, die Prozesse zu beschleunigen. Letztendlich bestimmt jedoch die Natur die Geschwindigkeit des Wachsens.
Wenn die Roststruktur ihre endgültige Form erreicht hat, beginnen die Arbeiten an den übrigen Partien des Bildes. Blanke Stellen müssen poliert werden, was sich zum Spezialgebiet ihres Mannes Mirko Gersak entwickelt hat. Er beschäftigt sich mit den feinen Strukturen, die in das blanke Metall eingeschliffen werden, um die Oberfläche lebendig zu machen. Je nach Standpunkt und Lichtverhältnissen bildet das einen starken Kontrast. Ein Kontrast, der die Bilder und Stelen kennzeichnet, ein Kontrast zwischen Glanz und Rost, kalt und warm, Menschenwerk und Naturwerk.
Eine Metalloberfläche bietet schier unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Neben den hier beschriebenen Verfahren des Rostens und Polierens gibt es noch zahllose andere Möglichkeiten, sich in diesem Material auszudrücken: Erhitzen des Metalls, Einkerben oder Verschweißen von Metallstücken. Bei einigen Wandbildern erkennt man eine Kombination verschiedener Verfahren, die unterschiedliche Strukturen und Farben hervorrufen. Alle Werke werden in Handarbeit angefertigt. Die Strukturen, die durch das Polieren, Erhitzen oder den Rost entstehen, sind immer einzigartig – jedes Bild ist ein Unikat.
Weitere Informationen:
Metallatelier-mg
Susanne Gersak
www.metallatelier-mg.de
Metallatelier-mg
Metallobjekte von Susanne und Mirko Gersak